Rassismus ist eine Arbeitsfrage
Der 1. Mai steht für Arbeitskämpfe, Solidarität und bessere Arbeitsbedingungen. Doch eine zentrale Dimension wird dabei oft übersehen: Rassismus als strukturierender Faktor auf dem Arbeitsmarkt. Mehr als 145.000 Menschen – also über die Hälfte der Einwohner*innen in Friedrichshain-Kreuzberg – haben eine Migrationsgeschichte. Migration prägt unseren Bezirk seit Jahrhunderten. Unsere Verbindungen reichen in rund 190 Länder. Kreuzberg ist Heimat vieler Kulturen, Communities und Religionen.
Und dennoch: Viele Menschen erleben im Alltag Abwertung, Misstrauen und Ausschluss. Rassismus hat konkrete Folgen – für die Gesundheitsversorgung, die Wohnsituation, Bildungswege, den Kontakt mit Behörden und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Besonders sichtbar wird das in der Arbeitswelt. Migrantisierte und rassifizierte Menschen – insbesondere ohne gesicherten Aufenthaltsstatus oder deutschen Pass – arbeiten überdurchschnittlich häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen: in der Reinigung, Gastronomie, Pflege, Logistik oder als Plattformbeschäftigte. Ein zentraler Mechanismus sind Subunternehmen. Viele große Firmen lagern Tätigkeiten aus, etwa in Reinigung, Sicherheit oder Logistik. Verantwortung wird weitergegeben und mit ihr oft auch Arbeitsrechte. In diesen Strukturen entstehen niedrigere Löhne, unsichere Verträge und geringere Schutzmöglichkeiten. Besonders betroffen sind diejenigen, die ohnehin weniger Rechte haben. So wird Ausbeutung nicht zufällig, sondern strukturell organisiert. Dabei werden rassistische Erzählungen immer wieder genutzt, um soziale Ungleichheit zu verschleiern. Statt strukturelle Probleme wie Ausbeutung oder prekäre Arbeit in den Blick zu nehmen, wird Wut auf einzelne Gruppen gelenkt. Am 1. Mai wird für gute Arbeit und faire Löhne demonstriert, doch Rassismus wird dabei oft nicht mitgedacht. Dabei entscheidet er konkret darüber, wer unter welchen Bedingungen arbeitet und wer welche Rechte hat.
Daniela Dohr und Saadet Ekşi für die Bezirks-AG MigrationAntirassismus
klar.links Ausgabe #3 Mai/Juni 2026

