DIE LINKE. Friedrichshain-Kreuzberg


24.01.2015

„Stürzt die Götter vom Olymp” – Manolis Glezos besuchte Berlin.

Fünf Tage vor den Wahlen in Griechenland ist Unruhe im Blätterwald. Die Angst von Merkel, Schäuble & Co ist seit Wochen unüberhörbar. Griechinnen und Griechen werden munter belehrt, wie sie zu wählen haben und dass Alexis Tsipras und die SYRIZA die blanke Unvernunft für das tapfer sparende Europa seien. Nun ist seit Jahren die Frage, wer hier spart und warum unbeantwortet geblieben. Schäubles Ideologie der „Schwarzen Null” bedeutet merkwürdigerweise auf der einen Seite immer die wundersame Rettung für Banken und das Anwachsen der Vermögen in den Händen weniger und auf der anderen Seite das Sparen bei Bildung, Energiewende, Gesundheitsvorsorge, guter Arbeitsmarktpolitik und moderner digitaler Kommunikation und Kultur für alle. Irgendwie bewegt sich da etwas. Die Wahlen in Griechenland sind offenbar für ganz Europa von höchst unterschiedlichem Interesse.

Welches Europa steht denn zur Wahl? Das und Vieles mehr hat die deutsche Delegation der linken Europafraktion in einer öffentlichen Veranstaltung in Berlin mit Manolis Glezos, dem ältesten Abgeordneten im Europäischen Parlament, gefragt und debattiert. Gabi Zimmer, die Fraktionsvorsitzende der GUE/NGL-Fraktion und ich, als Ausschusskollegin von Manolis, sowie die Journalistin Astrid Landero. Manolis Glezos hat nicht nur Geschichte geschrieben und erlitten. Er hat schon immer Menschen ermutigt und begeistert. So auch am gestrigen Abend in Berlin, bei dem er vor seinen eigenen Worten einer Lesung von Landolf Scherzer lauschte und danach der wunderbaren Band von Jannis Zotos. So ganz nebenbei stand er auch für TAZ-Interviews und für andere Journalisten Rede und Antwort. Und am Vormittag hatte er schon die Kolleginnen und Kollegen der Bundestagsfraktion DIE LINKE besucht.

1941 riss Manolis Glezos die Hakenkreuzfahne von der Agropolis.

Dafür wurde er zum Tode verurteilt, überlebte Haft und Folter. Das wohl Schmerzlichste für ihn, er hat den  Tod seines drei Jahre jüngeren Bruders  erdulden müssen und er hört die Toten noch heute, die ihn bitten, gibt nicht auf, für ein freies, soziales Europa der Menschen zu kämpfen. Wenn er heute mit seinen Lebenserfahrungen auf so einen kurzen Moment, wie den Wahltag in Griechenland schaut, da ersteht Geschichte und Vision, Mahnung und Hoffnung in einem. Er sagte klar, ja wir können siegen am Sonntag, ein Linksbündnis, aber wenn wir nicht die Institutionen ändern, wenn nicht die Bürgerinnen und Bürger dann die Politik selbst in die Hände nehmen, dann haben wir mit einem punktuellen Wahlsieg nichts erreicht. Klar war, die Arbeit beginnt am 26. Januar, nach der Wahl und er hatte in klaren Bildern gesagt, dass unsere Verschiedenheit, unsere unterschiedlichen Ideen das Elixier für unsere Hoffnungen sind. Würden wir alle dasselbe denken, dann kämen wir gar nicht voran, dann wäre die Welt sterbenslangweilig und es gäbe gar nichts mehr zu entdecken.

Manolis ließ sich an diesem Dienstag einfach nicht feiern, obwohl vielen der fast 300 Besucherinnen und Besucher so zumute war. Viele waren glücklich, ihn erleben zu dürfen, auch viele Griechinnen und Griechen, die in Berlin leben. Doch ihm stand der Sinn nach Unruhestiftung und Einmischung. Er war der Ansicht, dass er seine Gedanken dann später mal, wenn er alt wäre, ordnen und in Buchdeckel pressen könnte. Jetzt sei dafür einfach keine Zeit. Es ging wohl vielen bei der Veranstaltung so, dass die berührende Musik nach Lesung und Gespräch einen Raum in Kopf und Herzen öffnen konnte, damit die vielen Ideen und Eindrücke des Abends wachsen konnten und konkreter werden und uns auch am nächsten Tag begleiten.

Jetzt fiebern wir natürlich alle auf das Wahlergebnis und drücken den Genossinnen und Genossen von SYRIZA die Daumen. Dann sind wir alle gefragt, SYRIZA auch nach den Wahlen zu unterstützen und unsere eigenen Hausaufgaben zu machen. Eine Debatte für ein weltoffenes Europa, das Armut bekämpft und seine Geschichte ernst nimmt, steht schon lange aus.

(Stellvertretend auch für alle meine Kolleginnen und Kollegen in Brüssel möchte ich mich ausdrücklich auch an dieser Stelle nochmals für die großen Unterstützung dieser Veranstaltung bei Freunden und Genossinnen aus Berlin bedanken.)

Martina Michels MdEP

 

»Wir müssen die Chance ergreifen« (nd, 23.1.2015)

Quelle: http://www.dielinke-friedrichshain-kreuzberg.de/politik/aktuelles_aktionen/stuerzt_die_goetter_vom_olymp_manolis_glezos_besuchte_berlin/