Zurück zur Startseite

14.08.2009

Geschichte in Kreuzberg sichtbar machen

Zeitungsviertel-Tour

Geht man in den Rest der bundesdeutschen Republik und fragt Erika Mustermann nach Kreuzberg, so beginnt Kreuzbergs Geschichte in dieser Sichtweise mit dem brennenden Bolle vor rund 20 Jahren, Punks, Autonomen und Hausbesetzungen. Die Szenen sind in den Comics von Gerhard Seyfried ausreichend dargestellt und bedürfen keiner weiteren Beschreibung.

Die BO Kreuzberg und die Historische Kommission luden am 14. August 2009 dazu ein, einen Teil der Kreuzberger Geschichte vor dieser Zeit und dem hier entstandenen Mythos Kreuzberg kennen zu lernen. Der Historiker Kurt Laser führte uns über zwei Stunden durch den Bezirk. Das Ergebnis war erstaunlich. Die erlebbare, sichtbare Geschichte des Stadtteils geht in ihrer Bedeutung weit über das hinaus, was die durchaus nicht bedeutungslose Hausbesetzer- und Sponti-Szene der 80er Jahre erreicht hat.

Kreuzberg zwischen Berliner Zeitungsviertel …

Unsere Tour durch das alte Zeitungsviertel begann im Norden Kreuzbergs . Viel war von den einstigen Gebäuden, die den Ruf der Gegend um Hochstraße, Zimmerstraße, Jerusalemer Straße und Lindenstraße begründet hatten, nicht mehr zu sehen. Trotzdem: das Taz-Gebäude, der Springer-Neubau, das Mosse Zentrum bieten einem noch heute einen Einblick in eine Zeit entstehen, in der der Norden Kreuzbergs zum größten Presseplatz der Welt gehörte, wo sich Innovationen am Zeitungsmarkt stattfanden, wo der Zensur Meinungsfreiheit abgetrotzt wurde, wo die Informationsmedien das Selbstverständnis der Gesellschaft bestimmten und zum emanzipatorischen Mittel der Bevölkerung gegenüber der Obrigkeit wurden. In der Kaiserzeit war das politische Zentrum nicht weit, und die Medienverlage siedelten sich, wie später die Verwaltung der Filmindustrie, in der Nähe der Macht an. Die Verlage Scherl, Mosse, Ullstein, der Vorwärts, die Rote Fahne, der Prometheus Filmverleih, Wolffs Telegraphisches Bureau, die Nationalzeitung, alle hatten hier ihren Sitz, Redaktionen oder Abteilungen.

Gerade die Konzentration der Presseverlage machte die Gegend aber auch zu einem Ort der politischen Auseinandersetzungen. Um diese Geschichte zu erzählen, ist ein kleiner Abstecher in die Geschichte notwendig, der mit unserem Bezirk weniger zu tun hat.

... und politischen Unruhen nach dem 1. Weltkrieg

Die revolutionären Ereignisse zum Ende des Ersten Weltkriegs am 8./9. November 1918 hatten dazu geführt, dass die alten Machteliten in Deutschland abgesetzt waren und das Land nun von einem Rat der Volksbeauftragten aus SPD und USPD (der antimilitaristischen Linksabspaltung der SPD) regiert wurde. Der Kaiser, bisheriges Staatsoberhaupt, hatte sich in den belgischen Badeort Spa abgesetzt, die Monarchie hatte abgedankt. An den Umständen des Regimewechsels hatten revoltierende Arbeiter und Matrosen in ganz Deutschland einen nicht unwesentlichen Anteil. Die zielstrebigste und wirkungsmächtigste Gruppe unter ihnen war die der revolutionären Obleute, die seit 1917/18 zunehmend als Antikriegsopposition agiert hatten.

Die Revolutionären Obleute waren Teil einer mächtiger werdenden revolutionären Bewegung in Deutschland. Ihr erster Streik hatte im April 1917 begonnen, mit immerhin ca. 300.000 Streikenden in der Berliner Rüstungsindustrie. Mit ihrem Vorsitzenden Richard Müller waren die revolutionären Obleute außerdem wesentlich an der Vorbereitung und Durchführung des Januarstreiks vom 28.1. bis 3.2.1918 beteiligt. Mitten im Krieg streikten etwa eine Million der kriegsmüden Arbeiter in Deutschland für ein Ende des Krieges, rund ein Drittel in der Berliner Industrie. Die Arbeiter in Essen, Hamburg und Kiel folgten dem Berliner Beispiel und bildeten Arbeiterräte, wie in der Hauptstadt bereits während des Aprilstreiks geschehen. Die Bewegung zeigte durch vielfältige Kontakte auch ihre Wirkung auf die Frontsoldaten, insbesondere die Marine, wohin viele politische Aktivisten – die deutsche Marine war nicht besonders gut ausgerüstet – versetzt worden waren. Die Revolutionären Obleute waren ganz wesentlich an der Organisation des Aufstandes und der Revolution beteiligt und konnten sich guten Gewissens auf ihre Fahnen schreiben, einer der Totengräber des Kaiserreichs gewesen zu sein.

Die SPD hatte beim Untergang des deutschen Kaiserreichs keine so aktive Rolle gespielt. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Scheidemann hatte jedoch vor dem Hintergrund des vor dem Reichstag tobenden Aufstandes, zum Missfallen seines Kollegen Ebert, zwischen zwei Löffeln Kartoffelsuppe in der Reichstagskantine die Republik ausgerufen. Er wollte so „Schlimmeres verhindern“. Nach Ansicht Eberts und der SPD sollte eigentlich eine Nationalversammlung über das weitere Geschick und die Ordnung Deutschlands entscheiden. Die Novemberrevolution hatte diese Planung überrannt, und die Führung der SPD fand sich ohne eigenes Zutun an der Spitze der republikanischen Bewegung, die nicht durch einen politischen Prozess, sondern durch massenhaften Unwillen an die Macht gekommen war. Es wird auch berichtet, dass Friedrich Ebert die Revolution wie „die Sünde“ hasste. Sein Ziel war Ruhe und Ordnung, und dafür paktierte er in der folgenden Zeit auch mit den alten, demokratiefeindlichen Mächten.

Im Dezember, eineinhalb Monate nach der Novemberrevolution, kam es zu den sogenannten Weihnachtsunruhen. Der neue Reichskanzler Friedrich Ebert (der Rat der Volksbeauftragten war soeben zusammengebrochen) versuchte die Volksmarinedivision, die eigentlich zum Schutz des Rats der Volksbeauftragten nach Berlin gekommen war, wieder aufzulösen. Dem widersetzte sich die Einheit, sah sie doch die neu geschaffene Ordnung in Gefahr und sich selbst als legitime Schutzmacht dieser Ordnung. Die Einheit besetzte das Schloss, um ihre Forderung nach Fortbestand und Sold zu unterstreichen. Dabei verhielt sich die Volksmarinedivision durchaus zivilisiert. Ebert versuchte, seine Entscheidung durchzusetzen und die Division mit regulären Truppen aus dem Schloss zu vertreiben, was ebenso misslang wie die daraufhin folgende Besetzung der Roten Fahne durch diese Truppenteile. Die USPD verließ aus Protest über das Vorgehen Eberts die Regierung, die Volksmarinedivision rief zu Demonstrationen auf. Diese Ereignisse brachten die Linke auf und waren für Mehring, Luxemburg und Liebknecht ein letzter Auslöser zur Gründung der KPD am 31.12.1918.

Der Spartakusaufstand 1919

Andere politische Kräfte suchten andere Wege. Die Situation auf der Straße eskalierte, womit die Ereignisse langsam wieder nach Kreuzberg zurück kommen. Aus Protest gegen die versuchte Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn, der sich geweigert hatte, die Regierung gegen die Volksmarinedivisionen zu unterstützen, kam es am 5.1.1919 zum sogenannten Spartakusaufstand. Dieser Aufstand wurde im Wesentlichen durch Arbeiter aus dem Umfeld der Revolutionären Obleute getragen, die spontan eine Zeitungsredaktion in der Kochstraße besetzten. Dem schlossen sich schnell weitere Arbeiter an. Alsbald waren die Verlage: Mosse, Scherl, Ullstein und der Vorwärts (An der Stelle des Vorwärtsverlages befindet sich heute ein freier Rasenplatz in der Lindenstraße 3) besetzt. Gerade der Vorwärts hatte die Gemüter der Besetzer erhitzt. Die meisten Arbeiter waren bis vor dem Krieg Anhänger oder Mitglieder der SPD, deren Presseorgan der Vorwärts ja war. Dieser war mit der Parteiführung jedoch auf die Burgfriedenpolitik eingeschwenkt. In der Zeitung wurden nun, wie in den anderen Blättern der Kaiserzeit, Aufrufe zur Zeichnung von Kriegsanleihen und patriotische Artikel abgedruckt. Die Realität der Arbeiter sah im Gegensatz dazu anders aus. Insbesondere die Arbeiter, die nicht in der Kriegswirtschaft tätig waren, hatten seit 1916 in immer größerem Maße gehungert. Viele sahen sich auch von der SPD getäuscht, war die Partei doch vor dem Krieg im Rahmen der Sozialistischen Internationale mehrfach an Beschlüssen gegen den Krieg beteiligt gewesen. Viele linke Sozialdemokraten waren davon ausgegangen, dass diese Beschlüsse für die Partei bindend waren. Die Zustimmung zu den Kriegskrediten im Jahr 1914 wurde daher als Verrat wahrgenommen. Im Vorwärts waren im Rahmen der Auseinandersetzungen der verschiedenen Flügel und Parteien im (noch) Sozialdemokratischen Spektrum in den Wochen vor dem Spartakusaufstand diverse aggressive Artikel gegen die antimilitaristische, revolutionäre Konkurrenz von Links verfasst worden. Da wurden noch im Dezember die (regulären) heimkehrenden Truppen euphorisch mit: „Euch heimkehrenden Kameraden gilt heute unser aus tiefstem Herzen dringendes Willkommen!“ begrüßt. In derselben Weise wurde auch der erste Putschversuch dieser Truppen vom 6. Dezember begrüßt, während die genannte Verteidigung der Matrosen, die einen Monat zuvor die Regierung an die Macht gebracht hatte, als „Matrosen-Putsch“ bezeichnet wurde. Am 24. Dezember wurde eine Annonce der Antibolschwistischen Liga veröffentlicht, und generell griff der Vorwärts die Organe, die aus der Novemberrevolution hervorgegangen waren, publizistisch an. So wurde der Vorwärts ein besonders interessantes Angriffsziel für die Besetzer der Zeitungsverlage.

Ebert wollte diese Situation nicht weiter dulden und übertrug dem Sozialdemokraten Gustav Noske am 6.1. den Oberbefehl über die Truppen. Da diesem die Erfahrungen mit den versuchten Einsätzen im Dezember gezeigt hatten, dass ihm keine ausreichende Zahl an loyalen Truppen zur Verfügung standen, bildete Noske aus FreiwilligenFreicorps. Diese bestanden vielfach aus reaktionären, monarchistischen und konservativen ehemaligen Militärs. Eine Woche nach der Besetzung endete die Episode des sogenannten Spartakusaufstandes. Am 11.1.1919 wurde die Redaktion des Vorwärts geräumt, einen Tag später auch das Zeitungsviertel..

Spartakus 1919
Oh, Spree-Athen, oh, Spree-Athen,
Oh, wieviel Blut hast du gesehn?!
Auf deinem Friedrichsfelde ruht
So manches tapfere Spartakusblut.
Im Januar zur Mitternacht
Ein Spartakist stand auf der Wacht.
Er stand mit Stolz, und der war echt,
Er kämpfte für ein neues Recht.
Und mit der Knarre in der Hand
Er hinterm Zeitungsballen stand.
Die Kugeln pfeifen um ihn rum,
Der Spartakist, er kümmert sich nicht drum. (...)

Autor: unbekannt, Lied 1964 Ernst Busch, Musik Hans Eisler

Das Verhaltender kämpfenden Gruppen war sehr unterschiedlich. Während sich Pressezaren wie Ullstein auch während der Besetzung der eigenen Betriebe weiter weitgehend unbehelligt in den Gebäuden aufhalten konnten, bezahlten die Besetzer die spätere Räumung vielfach mit ihrem Leben. Die offizielle Zahl der Toten unter den Besetzern betrug 156, gegen 13 auf Seiten der Freicorps. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die in die Stadt einziehenden Truppen und Freicorps mit schwerer Artillerie, Flammenwerfern, Mörsern und MGs gegen spärlich bewaffnete Aufständische mit Gewehren und vereinzelten Geschützen antraten. Das Zitat „Einer muss den Bluthund machen“ hat diese blutigen Tage als Redewendung überdauert.

Die Folge dieser Kämpfe in Kreuzberg waren jedoch weittragender, manifestierte sich doch hier die tiefe, neurotische Spaltung der Arbeiterbewegung und der Linken mit Spätfolgen bis in die heutigen Tage (antikommunistische Reflexe der Sozialdemokratie gegen „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten“-Lyrik). Die Freicorps wurden zu einer maßgeblichen Quelle der extremen Rechten in Deutschland, und die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung verminderte die Widerstandskraft gegen den deutschen Faschismus. Die Erfahrungen mit der Politik des „Bluthunds Noske“ führten weiterhin dazu, dass wesentliche Teile der Linke die neue Republik, die ihnen aus der Hand genommen wurde, zutiefst ablehnten.

Vor diesen Ereignissen verblasst der aus der neueren Geschichte der sozialen Kämpfe der 80er Jahre geborene Mythos Kreuzberg ein wenig. Doch auch in der Nachkriegszeit gab es interessante Parallelen.

1968er Unruhen - Anknüpfung an den Mythos des Zeitungsviertels

Der Mythos des Zeitungsviertels hielt auch nach dem Zweiten Weltkrieg an. Als ein Kiez mitten im geteilten Berlin, mitten in der zerbombten Innenstadt, war von der alten Größe nichts übrig geblieben. Die Alliierten hatten die Presse neu strukturiert, und Berlin spielte wirtschaftlich keine Rolle mehr. Doch der Geist des Viertels spukte zumindest in manchen Köpfen weiter, so dass im Mai 1959 ein Grundstein gelegt wurde, der den Text “Wir rufen die Geister der Geschichte, die an dieser Stätte heimisch sind, und bitten sie, diesem Neubeginn gnädig zu sein" enthielt. Die Hoffnung wurde am 13.8.1961 enttäuscht, und der Bau des Gebäudes zog sich bis zum Sommer 1966 hin. Von diesem Zeitpunkt an befand sich hier in der Kochstrasse 50 der Stammsitz des größten deutschen Zeitungsverlags. Es sollte noch knapp zwei Jahre dauern, bis historische Episoden den Ort wieder erreichten. War es damals der Vorwärts, der gegen die ungeduldigsten und radikalsten Teile der Arbeiterschaft gehetzt hatte, war es nun eines der hier produzierten Blätter, das meinte, die Leserschaft gegen den „Terror der Jungroten“, „die rote SA“, „Polit-Gammler“ in Stellung bringen zu müssen. Als hätte der alte Noske seine Bluthunde wieder von der Kette gelassen, wurde dazu aufgerufen, die „Drecksarbeit nicht der Polizei (…) zu überlassen“ und „Störenfriede aus(zu)merzen“. Ein rechtsextremer Arbeiter nahm die Empfehlung überraschend ernst und schoss am 11. April 1968 (in Charlottenburg) auf Rudi Dutschke. Die folgenden Osterunruhen 1968 rund um das Verlagsgebäude in der Kochstrasse (heute Rudi-Dutschke-Straße) haben sich in die kollektive Erinnerung unserer Republik eingebrannt. Noch am 11. April versammelten sich Hunderte von empörten Studenten und versuchten vergeblich, die Auslieferung der Springerpresse zu verhindern. Die Radikalität der Bewegung wuchs spürbar. 12000 Demonstranten und 10000 Polizisten bescherten der Republik die heftigste Straßenschlacht seit der Weimarer Republik. Die Ruhe und Ordnung, die die Mentalität der Adenauerzeit geprägt hatte, war nun endgültig vorbei.

Viele der Teilnehmer/innen der Tour waren verblüfft zu erfahren, wie viel „große Geschichte“ allein in unserem Bezirk sichtbar wird. Unser Spaziergang wird mit Sicherheit nicht der letzte sein. Schon jetzt besteht großes Interesse daran, mehr über die Geschichte der Arbeiterbewegung rund um den Mehringplatz zu erfahren, bei dem die bauliche Struktur in der Umgebung des ehemaligen Belle-Alliance-Platz kaum noch sichtbar ist. Interessenten können sich gerne bei uns melden.

Marcus Otto